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Das Licht ist da

Gottesdienst

Nikodemus irrt durch die Nacht, aber er findet Jesus. Lesen Sie hier die Predigt von Superintendent Dietmar Pistorius zum Heiligen Abend 2021.

 

„…auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden…“

 

Predigt zu Johannes 3,16-21
in der Christvesper in der
Kreuzkirche Bonn als PDF


[Es zählt das gesprochene Wort]


Liebe Gemeinde,


damit alle unter uns, die sich selbst verloren haben angesichts der Läufe ihres Lebens oder mit dem Blick auf diese Welt,
und damit alle, die es spüren, was wir verloren haben in den letzten 2 Jahren in unserer Gesellschaft, im privaten Umfeld, in der Kirche,
damit alle, die sich selbst verloren haben oder glauben, verloren zu sein,


damit wir also,


damit wir wieder ins Leben finden, darum wird uns zu dieser Weihnacht als Predigttext aus dem Johannesevangelium das Wort des Lebens gesagt:


„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“


Gott, wir wissen gar nicht so genau, was wir suchen.
Aber lass es uns finden.
So bitten wir:
Hilf beim Reden und beim Hören
und in Beidem: Hilf beim Predigen.
Amen.

 

Etwas verloren, liebe Gemeinde, stelle ich ihn mir vor, wie er in der Nacht durch die Gassen Jerusalems irrt, um den zu finden, von dem er hofft, Antworten zu hören. Antworten, auf Fragen, die sich ihm stellen, ihm, Nikodemus, dem gelehrten Pharisäer, Angehöriger des Hohen Rates, Amtsträger.


Man ist so schnell geneigt zu glauben, dass die, die Ämter haben, dass die auch Antworten hätten auf all die Fragen, die sich uns Normalbürgerinnen und -bürgern so stellen.


In Zeiten, in denen die, die einfache Lösungen verkaufen, Menschen im Netz der Behauptungen fangen und Massen zu sogenannten Spaziergängen bewegen, ist es ja nicht leicht, zuzugeben, dass man selber nicht weiß, wie es gelingen soll. Dass man selber mehr Fragen als Antworten hat. Dass man ehrlicherweise nicht alle Probleme lösen kann und selbst die, die wir lösen können, nicht ideal gelöst sein werden. Es wird Verlierer geben. …im Leben. Und solche, die ihr Leben verlieren.


Geschweige denn, dass man dazu steht, als Amtsträger:in dazu steht, zu zweifeln: am Gutem im Menschen und an einem Gott, der allmächtig und liebend zu gleich ist…


Die Funktionseliten unseres Landes, die Menschen in Politik, den Medien, in den Religionen, ja auch in den Kirchen tragen mehr und mehr die Bürde ihrer Ämter. Da ehrlich zu bleiben, wahrhaftig und demütig gegen sich selbst, ist schwer.


Die Weltvereinfachenden sonnen sich zunehmend im gleißenden Licht ihrer Erfolge. Den andern bleibt die Nacht.


II.
Schlaflos irrt Nikodemus, als Mitglied im Hohen Rat Amtsträger zu Jesu Zeiten, irrt er durch die einsamen Straßen Jerusalems auf der Suche nach einem, mit dem er reden kann: Offen, ehrlich und unverstellt; vertraulich.
Was ihn umtreibt?

Ein Klassiker unter den Schlafräuberinnen: Die Frage, ob es denn noch eine Hoffnung gibt, eine Hoffnung auf ein Neues. Wird sich denn noch einmal was ändern?
Kann ich noch was erwarten vom Leben? Was Neues, Anderes, Besseres?


„Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?“


Wird das Leben, das vor mir liegt, mehr sein als nur die Anhäufung immer Desselben?


Diese Frage im Gepäck, liebe Gemeinde, ich denke, viele von uns kennen sie gut. Ob am Anfang meines Weges: Wer bin ich? Was will ich werden? Was soll ich machen, lernen, arbeiten? Wen lieben oder heiraten? Kinder? Karriere? Welche Fragezeichen setzt die Klimakrise hinter alles Planen einer Zukunft, die vorhersehbar anders sein wird, als wir es wünschen?

Oder als Midlife-Crisis in der Mitte Deines Lebens: Beruflich etabliert bis zur Regungslosigkeit. Die Beziehungen in Routinen erstarrt. Und dazu die Angst davor, alt zu werden.
Oder dann, wenn du den Beruf an den Nagel hängen kannst, der Ruhestand angeblich wohlverdient gekommen ist, und du dich fragst, was denn jetzt noch drin ist, in dem Leben vor deinen Füßen.
Liebe Gemeinde, die Frage nach dem Leben, das vor uns liegt, treibt uns so manche Nacht durch die Zimmer und Gassen.


III.
Nikodemus findet Jesus. Und in ihm den, der seinem verlorenen geglaubten Sinn einen Ort gibt: Das Leben.
Wenn es einen Sinn gibt, den sich zu finden lohnt, dann ist er im geglaubten Leben und im gelebten Glauben zu finden.


„Also hat Gott die Welt geliebt, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. – Wer an ihn glaubt… der kommt zu dem Licht…“


Wenn es einen Sinn gibt, den sich zu finden lohnt, dann ist er im geglaubten Leben und im gelebten Glauben zu finden.


a.)
Das geglaubte Leben zuerst: Dieses Leben, Menschenkind, dieses Leben, das du lebst, ist geliebtes Leben. Und weil es geliebtes Leben ist, - und das ist die herausragende Botschaft des Johannesevangeliums, - weil dieses Leben geliebtes Leben ist, ist es ewiges Leben.


Gott hat diese Welt geliebt, keine andere. Darum ist er als Mensch in diese Welt gekommen. Diese Welt, die niemals und nirgendwo perfekt war, niemals und nirgendwo nur gut, niemals und nirgendwo gerecht:
Wir wissen das nicht erst seit Corona, wissen es nicht erst seit dem Einsturz des World Trade Centers am 11. September 2001 oder dem Attentat vom Breitscheid Platz vom 19. Dezember 2016. Wir haben eine Ahnung davon nicht nur in Honkong, der Ukraine, Belarus, dem Jemen…


Diese Welt ist niemals und nirgendwo perfekt, niemals und nirgendwo nur gut, niemals und nirgendwo gerecht… aber es ist…, es ist diese Welt, die Gott liebt.


Nicht weil er sie liebenswert findet, sondern weil er sie liebenswert machen will.


Weil Gott sich in diese Welt begibt und dieses Leben lebt, ist diese Welt der Ort Gottes, nicht eine jenseitige oder zukünftige. Und dieses Leben, mit all seiner Brüchigkeit und Verlorenheit, mit all dem, was sich falsch anfühlt und schlecht läuft, dieses Leben ist ewiges Leben, nicht ein zukünftiges am berühmten Sankt Nimmerleinstag.


Ewiges Leben, liebe Gemeinde, ist keine zeitliche Kategorie – kein Leben, dass erst nach dem Tod beginnt und dann ohne Ende ist. Ewiges Leben ist keine zeitliche, sondern es ist eine qualitative Kategorie.
Ewiges Leben ist Leben, dass hier und jetzt darum weiß, dass es von Gott geliebt ist, dass Gott in ihm geheimnisvoll gegenwärtig ist.


Das Gott Mensch wurde, liebe Gemeinde, wie wir es Jahr für Jahr feiern, macht dieses Leben und diese Welt zum Schauplatz Gottes.


b)
Wer das glaubt, sagt Jesus, geht nicht verloren, sondern entdeckt, dass das geglaubte Leben nach gelebtem Glauben ruft. Dass diese Welt nicht bleibt, wie sie ist, darum hat Gott die Welt geliebt. Seine Liebe findet uns nie liebenswert vor, aber sie macht uns liebenswert.
Darum ruft das geglaubte Leben nach dem gelebten Glauben.

Ruft danach, dass wir beginnen dieses Leben wertzuschätzen, zu achten, zu feiern, zu schützen, zu gestalten, zu leben.
Dass wir es ergreifen.
Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Johannesevangelium:
Das Leben ist da – und Glaube heißt, es zu leben.
Das Licht ist da – und Glaube heißt, darin zu wandeln.


Aber die Menschen haben es nicht ergriffen.


Gericht, diese immer wieder missbrauchte Idee einer Gerechtigkeit, Gericht ist, das Leben zu verpassen, sich in ihm und seinen Wirren zu verlieren.
Gott aber ist nicht gekommen, zu richten, sondern zu retten. Menschen zu helfen, das Leben zu finden und nicht sich im Tod zu verlieren.
Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, sagt Jesus.


Und sie tun das Böse… die Nachrichten sind voll davon.


Aber gegen all diese Erfahrungen gilt es einmal mehr, das Leben zu lieben. Es zu leben, zu genießen, zu feiern und zu gestalten – für mich ist das „gelebter Glaube“.
Den Feinden des Lebens mit der Liebe zum Leben und der Liebe zur Welt und den Menschen zu begegnen, liebe Gemeinde, das heißt in diesen Weihnachtstagen Nachfolge Jesu Christi.


„Welt ging verloren, Christ ist geboren – freue dich, freue dich o Christenheit“.


Dieser Trotz, die Weihnachtsfreude gegen die Verlorenheit der Welt zu leben, ihr Lieben, das ist das Zeugnis, das in diesen Tagen gelebter Glaube ist, das ist das Zeugnis, das wir Christenmenschen in dieser Welt und diesen gewiss schweren Zeiten glaubwürdig leben sollen: Freue dich, freue dich o Christenheit.


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.
 

(Superintendent Dietmar Pistorius)