Aktuelles

Das Zeichen des Kindes

Gottesdienst

Weihnachten und Weltpolitik - wie geht das zusammen? Gott wirbt um unser Vertrauen, so Pfarrerin Ingrid Schneider.

 

Predigt, gehalten am 2. Weihnachtstag 2021 in der Kreuzkirche als PDF

Weihnachten und Weltpolitik - muss das sein? Ich kenne von mir das innere Aufstöhnen,
wenn Weihnachtspredigten meinen, einen Rundumschlag zu politischen Themen machen
und mir die Weltsicht des Predigenden erklären zu müssen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch
so geht.


Und dann - mit dem Predigttext heute mute ich Ihnen das zumindest in Teilen zu - denn es
geht nicht anders.


Der Predigttext für den heutigen Tag steht in Jesaja 7,10-14. Bevor ich den Text lese, will ich
aber kurz etwas zum Hintergrund erzählen. Und daran wird sichtbar, warum wir jetzt an
Politik nicht vorbeikommen.


Beim Nachsinnen dieser beiden Ws wurde mir natürlich bewusst, dass beides immer wieder
eng miteinander verknüpft ist. Sei es in der Geschichte von Jesu Geburt - diese
Steuerschätzung, die natürlich politisch motiviert war, sei es das Schweigen der Waffen in
manchen Kriegsgebieten zumindest in der Weihnachtsnacht, sei es bei den Coronaregeln,
die im letzten und in diesem Jahr versuchen, nicht zu harte Maßnahmen zu den Feiertagen
auszurufen. Weihnachten und Politik - es hat was miteinander zu tun, denn dahinter stehen
Botschaften, die gesendet werden wollen. Und es geht immer um Gottes Handeln, das oft
genug sich so gar nicht in die großen Leitlinien der Politik einfügen will und darum,
zwangsläufig, als Kritik an den geltenden Zuständen verstanden werden kann und muss.
Nun also zum Text.


Ungewöhnlich viel wissen wir zu der Situation, auf die der Bibeltext Bezug nimmt. Sie fand
im Jahr 733 vor Chr. statt. Ahas war König von Juda. Die Fürsten von Aram und Ephraim
waren mit ihren Heeren im Anzug und gewillt, Jerusalem durch eine Belagerung in die Knie
zu zwingen und Ahas damit zu zwingen, sich ihrem Bündnis gegen die Assyrer
anzuschließen. Im Zweifel ein Abdanken von Ahas provozieren, der das so einfach nicht
mitmachen wollte.


Der junge König Ahas weiß darum - und ihm wird angst und bange: um die Menschen -
reicht die Wasserversorgung? Um die Stadt - werden die Mauern halten? Vielleicht auch um
seine Person und seine Familie.


In dieser Situation schickt Gott den Propheten Jesaja gemeinsam mit dessen Sohn Schear -
Jaschub (was so viel heißt wie: einige werden zurückkehren) zu Ahas - dort draußen an dem
Wasserbecken, wohin er gegangen ist um Leitungen und Vorräte zu inspizieren.
Gottes Auftrag an Jesaja: „Sage ihm: mach dir keine Sorgen, oh König. Bewahre die Ruhe.
Du hast nichts von diesen Fürsten zu befürchten, sie haben keine Zukunft. Zwei rauchende
Stummel sind’s, weiter nichts. Lasse dich nicht in diesen sinnlosen Krieg hineinziehen.
Vertraut auf den Herrn! Wenn ihr nicht bei ihm bleibt, dann bleibt ihr überhaupt nicht!.“

Hier setzt der Predigttext ein (Jesaja 7,10-14):


Und der Herr redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom Herrn,
deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich
will’s nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche.
Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr
Menschen müde macht? Müsst ihr auch noch meinen Gott müde machen? Darum wird euch
der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn
gebären, den wird sie nennen Immanuel.

 

Weltpolitik - jetzt aber nicht als das, das gedeutet und erklärt werden soll. Vielmehr die Folie,
auf der das, worum es Gott geht, nur noch klarer hervortritt.


Glauben heißt Vertrauen - doch wie soll man vertrauen, wenn man Angst hat? Ahas hat
Angst vor dem, was sich da vor seiner Haustür abspielt. In einer solchen Situation
vertrauen? Was könnte nicht alles passieren? Was, wenn Gottes Wort nicht eintrifft, wenn es
eben mit ihm zu Ende geht statt mit den Kontrahenten? Was, wenn andere ihm vorwerfen, er
hätte sich gedrückt von Entscheidungen?


Angst - immer ein schwieriger Ratgeber, gehen doch die Gedankenkarusselle los, verleiten
sie uns zu Aktionismus, damit wir etwas haben, woran wir uns festhalten können, vermitteln
sie uns doch nur zu gerne, dass wir das alles im Griff haben.


Glauben heißt Vertrauen - aber wem soll man trauen in diesen Tagen, in denen so viel in
Frage steht? Viele haben Angst um ihre Zukunft - nicht nur Ahas damals. Auch genug
Menschen heute haben Angst: Angst um die Freiheit, Angst um ihren Wohlstand, Angst um
ihre Gesundheit, Angst vor einem übermächtigen Staat, Angst vor dem Unbekannten, Angst
vor .... Wie soll man sonst so manche Demonstration in diesen Tagen verstehen als als
Ausdruck einer tiefsitzenden Angst vor den Unwägbarkeiten des Lebens, vor dem, was sich
unserem Einfluss entzieht, vor dem, was die Zukunft bringen mag?


Glauben heißt Vertrauen. Doch das menschliche Vertrauen lässt sich schnell erschüttern.
Und wenn das Vertrauen erst mal Risse zeigt, dann ist es nicht mehr zu halten. Dann fällt
alles zusammen. Und umgekehrt braucht der Aufbau von Vertrauen Zeit, oft viel Zeit.
Vertrauen wächst nicht an einem Tag, es muss erarbeitet, bestätigt werden. Vertrauen
wächst durch Erfahrung gemeinsam überstandener Krisen und Herausforderungen. Das gilt
im politischen Raum genauso wie im privaten Raum - und auch im Glauben. Vertrauen
braucht Bestätigung, braucht auch Zeichen, an denen es sich festhalten kann, wenn Zweifel
aufkommen. Vertrauen braucht ein stabiles Fundament, das stärker und stabiler ist als
Fragen und Unsicherheiten.


Dem verängstigen König Ahas bietet Gott ein Zeichen an. „Fordere eins“, so lässt er durch
Jesaja ausrichten - „sei es vom Himmel oder aus der Totenwelt“. Ein unglaubliches Angebot
- doch Ahas schlägt es aus.


Nach außen: „ich will Gott doch nicht auf die Probe stellen. Wir können doch Gott nicht
herausfordern. Gott muss sich vor uns doch nicht rechtfertigen.“ Das klingt fromm und
gläubig und demütig. Doch das ist nicht der Beweggrund von Ahas.
Worum es ihm geht: Sein Zurückweisen ist kein Ausdruck von unbedingtem Vertrauen in
Gott. Vielmehr signalisiert es seine Angst sich auf Gott einzulassen. Wenn er ein Zeichen
fordern würde und es eintritt - dann müsste er ja seine eigenen Pläne begraben und sich
ganz Gott anvertrauen. Dann müsste er die Kontrolle abgeben und Gott machen lassen.
Dann müsste er anerkennen, dass nicht er, sondern Gott die Geschicke Jerusalems lenkt.
Und das kann er nicht.


Lieber vertraut er dem Bund mit Assur als einem Bund mit Gott. Seine Angst ist zum
Selbstläufer geworden und bestimmt sein Handeln. Er ist nur noch Reagierender in einer
Welt, die er als feindlich wahrnimmt.


Kennen Sie Menschen, die in solcher Weise in ihrer eigenen Angst gefangen sind, denen
weder mit Worten noch mit Gesten ein Weg aus der Angst gewiesen werden kann? Angst ist
eine fürchterliche Krankheit, denn irgendwann wittert sie nur noch Verschwörung der
anderen. Ständig sucht sie bestätigt zu werden und liest alles, was geschieht, mit diesen Vorzeichen.

Wenn Ehepartner einander misstrauen, finden sie überall Zeichen mangelnder
Liebe. Wenn Finanzmärkte sich ängstigen, sehen sie überall Krisensignale. Wenn religiöse
Menschen der Angst nicht mehr Herr werden, kapseln sie sich ab und flüchten sich in
fundamentalistischen Wahn. Wer sich ängstigt wird blind gegenüber allen Signalen der
Zuwendung und des Vertrauens und sieht in jeder ausgestreckten Hand die drohende Hand
des Angriffs.


Doch Gott lässt nicht locker. Wenn nun schon der König auf ein Zeichen verzichtet, so wird
er eines senden. Ein Zeichen, das symbolträchtiger kaum sein könnte. Die Geburt eines
Kindes mit Namen Immanuel. Gott schickt ein Kind als Zeichen gegen die Angst.
Vermutet wird, dass es historisch tatsächlich um die Geburt eines Kindes im Königspalast
ging, doch gerade die Unklarheit hat die Phantasie der Menschen immer wieder beflügelt. So
wagt Matthäus - wie wir es vorhin der der Lesung hörten - diesen Vers aus seiner Zeit zu
lösen und in seinem Evangelium unterzubringen. Mit Verweis auf die Verheißung des Jesaja
erfährt Josef im Traum: „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger und einen Sohn gebären. Und
sie werden ihm den Namen Immanuel geben“ - Gott mit uns. Marias Sohn - Jesus,
Immanuel.


Gott mit uns, Gott steht uns bei - wir sind nicht allein in diesem unermesslich großen Kosmos
mit all dem, was wir eben nicht verstehen und was uns bedrücken kann. Wir sind nicht
alleingelassen mit der Angst, die sich manchmal so umfassend im Leben breit macht. Wir
sind nicht allein in den großen Katastrophen unserer Tage - sei es in der Natur wie in den
gewaltigen Zerstörungen durch Wasser im letzten Sommer, fast vor der Haustür, in den
Wirbelstürmen in lndien, der tausende Existenzen vernichtete, den Verwüstungen, die die
Vulkane auf La Palma hinterlassen haben, den Dürregebieten dieser Erde, sei es durch
Krankheit und menschengemachte Unglücke oder den ganz persönlichen Katastrophen, die
dann und wann unser eigenes Leben treffen. Wir sind nicht allein.


Im allerletzten, wenn wir fast den Eindruck haben, es gibt nichts mehr, worauf wir uns
überhaupt noch verlassen können, dann gibt es eben doch den Gott, den wir als
Schöpfergott bekennen und der unsere Welt begleitet. Dieser Gott ist mit uns, komme, was
da wolle.


Als Zeichen gegen die Angst der Menschen schickt Gott ein Kind. Aller Verzagtheit wird ein
Zeichen der Hoffnung entgegengesetzt: Es wird eine Zukunft geben und diese Zukunft wird
gut sein. Gott mit uns.


Kleine Kinder sind ein Ausbund an Optimismus und Lebensfreude. Ihr Strahlen kann selbst
steinerne Herzen aufweichen. Das Lachen von Kindern versprüht einen Zauber, der über
Kultur- und Religionsgrenzen hinweg befreiend wirkt. Kinder verfügen über die Gabe,
felsenfest zu vertrauen, sie können hoffen und wünschen wie wir es als Erwachsenen oft
genug verlernt haben. Deshalb kommt Gott als Kind zu den Menschen.


Die Geburt des Immanuel ist ein Zeichen gegen die Angst, ein Zeichen für die Freude, die
Gott will, ein Zeichen des Vertrauens in das Leben und die Zukunft.


Glauben heißt Vertrauen. In der Gestalt des Immanuel-Kindes wirbt Gott um unser
Vertrauen. Das Kind in der Krippe ist sein Versprechen: Ich bin bei euch. Ich will eure
Zukunft, ich will Eure Freude, ich will Euch leben sehen. Und ich tue alles dafür, damit Euch
das möglich ist.

Amen.

 

(Pfarrerin Ingrid Schneider)