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Ein Strohhalm der Hoffnung

Gottesdienst

Eine Erzählung aus Mexiko lässt Pfarrerin Ingrid Schneider darüber nachdenken, was es bedeutet, dass Gottes Gegenwart im Menschen Wohnung nimmt.

 

Predigt, gehalten in der Christmette 2021 in der Kreuzkirche Bonn als PDF


Viele Geschichten sind erzählt worden im Laufe der Jahre rund um Weihnachten. Sie
versuchen in Worte zu kleiden, was damals den Menschen wichtig wurde. Und so auch
diese, die ich heute Abend erzählen möchte.


Die Hirten waren wieder gegangen. Maria konnte es noch kaum fassen, was die Menschen
ihr erzählt hatten, doch offenbar war es so bewegend und berührend, dass sie selber die
Worte in sich aufnahm und immer wieder darüber nachsann. Was war das für ein Kind, dem
sie das Leben geschenkt hatte?


Doch nicht nur Maria war berührt von dem, was in dieser Nacht geschah. Einer der Hirten,
wahrscheinlich ein ganz junger, einer, der noch nicht so verhärtet war von der Härte des
Lebens, einer, der sich in seinem Herzen noch Empfindsamkeit erlauben durfte, auch er
schien zu spüren, dass diese Begegnung im Stall für ihn wichtig wurde.

Und so nahm er, von den anderen unbeobachtet, einen Strohhalm aus der Krippe mit. Ganz fest hielt er ihn in der
Hand, so, dass die anderen das nicht sofort erblicken konnten. Doch hatte er gehofft, die
anderen würden das gar nicht bemerken, so hatte er sich getäuscht. Nur wenig später, auf
dem Rückweg, fragten sie ihn: „Was hast du da in der Hand“? „Einen Strohhalm“, sagte er.
„Einen Strohhalm aus der Krippe, in der das Kind gelegen hat!" „Was, einen Strohhalm?“, lachten die anderen. „Wirf das Zeug weg. Das ist doch nur Abfall“.


Aber der junge Hirte schüttelte den Kopf. „Nein, sagte er“, den behalte ich. „Für mich ist das
kein Abfall, für mich ist es ein Zeichen für das Kind. Jedesmal, wenn ich diesen Strohhalm in
der Hand halten werde, dann werde ich mich erinnern an dieses Kind und was die Engel von
ihm gesagt haben. Der Strohhalm ist ein Zeichen der Erinnerung. Hoffnung auf eine Welt, in
der andere Maßstäbe gelten als hier bei uns“.


Zeichen der Erinnerung – welche Zeichen haben wir, wenn wir in diesen Tagen in unseren
Häusern und Wohnungen sind, Zeichen, die auf dieses Kind hindeuten? Woran machen wir
unsere Erinnerung fest und welcher Art sind sie? Wovon erzählen sie?


Erzählen sie von längst vergangenen Tagen, liebgewordenen Bräuchen, unerfüllten
Wünschen und Hoffnungen? Erzählen sie von der Lebendigkeit der Hoffnung, die mit diesem
Kind in die Welt kam? Sprechen sie von diesem riesigen Wunder, dass unser Leben nicht in
Schwere und Bruchstückhaftigkeit gefangen bleiben muss, sondern mit dem Kind die Zusage
von Heil, Heil-werden, Heil-Sein verknüpft wurde?

Schalom – Friede nennt die biblische
Botschaft dieses Heil-werden. Eine Verheißung, der wir selber und unsere Welt kaum zu
trauen wagen. „Euch ist der Heiland geboren“, heißt es in der Weihnachtsgeschichte, die wir
gehört haben.


Am nächsten Tag fragte einer der älteren Hirten den Jungen: „Sag mal, trägst du immer noch
das Stück Strohhalm mit dir rum? Das ist doch wertloses Zeug“. „Nein, nein,“ widersprach
der Junge, „wertlos ist das nicht. Da hat Gottes Kind drauf gelegen“. „Na und?“, lachten die
anderen, „das Kind ist wertvoll, aber doch nicht das Stroh“. „Ihr habt unrecht“, erwiderte der
junge Hirte, „das Stroh ist schon wertvoll. Worauf hätte das Kind sonst liegen sollen, wenn es
sonst nichts hatte? Mir zeigt es, dass Gott auch das gebrauchen kann, was andere fürwertlos erachten. Auch das wird wertvoll. Auch das ist für Gott wichtig. Für Gott zählt nicht
nur, was funkelt und glänzt“.


Wie oft sortieren wir aus: wertvoll – wertlos. Wie oft bleiben wir beim äußeren Eindruck
stehen, fällen schnell unser Urteil und geben dem, was unscheinbar daher kommt, kaum
eine Chance. Wie oft stecken wir Menschen oder Begegnungen in eine Schublade und sind
festgelegt, noch bevor wir uns wirklich darauf einlassen konnten.


Gott als Mensch – ein Kind, begabt mit dem Geist göttlicher Weisheit – ein Friedensbringer –
all das passt nicht zu einem Kind, das unter den Armen der Welt geboren wurde. All das
passt nicht in die religiösen Vorstellungen von Menschen, damals in Jesu Zeit, aber wohl
auch bei uns. All das passt nicht in unsere vertrauten Vorstellungen von Macht und
Herrschaft, Auftreten und Einfluss.


Inspiriert uns die Geschichte der Geburt dieses Kindes, unsere festgelegten Vorstellungen
wenigstens für ein paar Stunden einmal ruhen zu lassen, wenigstens für zwei oder drei Tage
einmal uns für den Gedanken zu öffnen, das Leben könnte noch so ganz anders sein?


Erlaubt uns die Geschichte der Weihnacht unsere Maßstäbe in Frage zu stellen und mit
offenem Herzen zu fragen, was diese Welt wirklich braucht, damit Friede werden kann, was
unser Miteinander braucht, damit wir friedfertig einander begegnen können? Was wir selber
brauchen und beitragen können in und durch uns, damit Verletztes heil werden kann?


Ja, der Strohhalm aus der Krippe war dem jungen Hirten wichtig. Wieder und wieder nahm er
ihn in die Hand, dachte an die Worte der Engel, freute sich darüber, dass Gott die Menschen
so sehr mag, dass er klein wurde wie sie.


Für ihn wurde die Krippe mit ihrem Stroh zum Zeichen, dass Gott sich nicht scheut vor der
Begegnung mit den Menschen, wie arm und bedürftig sie vielleicht auch sind. Gott schenkte
in der Geburt dieses Kindes ihnen seine Aufmerksamkeit, nahm sie wahr, traute ihnen zu
Zeugen zu sein von dieser Botschaft – und das mit all den Einschränkungen, die mit ihrer
Person verbunden waren.


Welch eine Umkehrung der Verhältnisse. Hirten: sie waren vor Gericht nicht mal als Zeugen
zu gelassen. Sie, die Hirten, galten als Menschen, denen man nicht traute, denen alles
Schlechte nachgesagt wurde, denen man nichts Gutes zutraute. Und jetzt konnten/ durften
sie diese Geschichte erzählen?


Welch ein Umkehrung der Spielregeln, wenn auf einmal der Starke schwach und der
Schwache stark sein darf.


Welch eine verdrehte Welt, wenn die, die scheinbar so gottlos leben, die werden, die
anfangen Gottes Botschaft zu erzählen. Und die, von denen man das erwarten würde, nur
noch sprach- und ahnungslos sind.


Weihnachten stellt unsere Vorstellungen auf den Kopf, weil Gott selber es ist, der sich
einmischt.


Die Geschichte geht weiter: Eines Tages aber nahm einer der anderen Hirten ihm den
Strohhalm weg und schrie wütend: „Du mit deinem lächerlichen Stroh! Du machst mich ganz
verrückt damit!“, und er zerknickte den Halm wieder und wieder und warf ihn auf die Erde.


Wie oft hat die Begegnung mit Jesus die Menschen aufgebracht. Wie oft wurden sie dort, wo
sie mit ihm zu tun hatten, wütend, zornig, neidisch. Wie oft grenzten sie sich ab, weil sieseine grenzenlose Zuwendung nicht aushielten. Wie oft machte es sie verrückt und wütend,
dass Gott sich nicht in unsere menschlichen Strukturen und Gesetze pressen lässt.


O, dieses Kind, dieser Mensch, diese mit Gottes Kraft erfüllte Person ließ sie einfach nur
durch das Da-Sein allzu deutlich spüren, wie verfahren, festgefahren und hoffnungslos sie ihr
Leben erlebten.


Gewöhnlich ließ der junge Hirte sich von der Wut des Älteren einschüchtern. Doch diesmal
stand er ganz ruhig auf, hob den Strohhalm auf, strich ihn wieder glatt und sagte zu dem
anderen: „Sieh doch – er ist geblieben, was er war: ein Strohhalm. Deine ganze Wut hat
daran nichts ändern können. Sicher, es ist leicht, einen Strohhalm zu knicken und damit alle
Ohnmacht an etwas anderem auszulassen“.


Ja, es ist leicht, seine Wut an etwas anderem oder anderen auszulassen, gerade dann,
wenn wir verzweifelt sind, wenn wir uns danach sehnen, mit unseren Wünschen ernst
genommen zu werden. Wie viele Radikalisierungen dieser Welt entstehen aus einem
solchen Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung. Wie viel Hass wird gesät, weil Menschen in
sich so viel Wut auf andere tragen. Ja, es ist leicht, verächtlich über andere und anderes zu
reden, wenn wir selber das Gefühl haben, nicht geachtet zu sein und zu kurz zu kommen.
Ja, es ist bedrückend, die eigene Ohnmacht wahrzunehmen, gerade dann, wenn wir denken:
‚Was ist schon ein Kind, was kann das schon bewirken, wo wir einen starken Helfer
brauchen‘.


„Aber“, so fuhr der junge Hirte fort: „ich sage dir: aus diesem Kind wird ein Mann, und der
wird nicht totzukriegen sein. Er wird die Wut der Menschen aushalten, ertragen und bleiben,
was er ist: Gottes Verheißung an uns. Nein, Gottes Liebe ist nicht kleinzukriegen“.
Im Stall zu Bethlehem entsteht eine Hoffnung, die nicht zerstört werden kann. Nicht durch
Hass, nicht durch Widerstand, nicht durch Leiden, nicht durch Tod.


Einen Strohhalm kann man kaum knicken. Er bekommt Brüche, aber er reißt nur ganz
schwer.


Und so wird er zum Zeichen für die Botschaft der Weihnacht – für den jungen Hirten und
vielleicht für uns: Gott schenkt den Menschen eine Hoffnung, die auch in schweren Zeiten
Bestand hat. Gott hält unsere Armseligkeit aus. Gott hält selbst unsere Wut und Verzweiflung
aus. Gottes Zusage gilt auch den Menschen, die für sich alle Hoffnung aufgegeben haben.
Gottes Nähe bringt Licht bis in den letzten Winkel der Finsternis. Gottes Gegenwart nimmt
Wohnung im Menschen.


Welch himmlisch kleines, irdisch großes Wunder! Wahrhaft ein Strohhalm der Hoffnung für
unsere Welt.

Amen

(Pfarrerin Ingrid Schneider)