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Andacht zum Monatsspruch für September

2. Korinther 5,19

 

Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich selber

Versöhnung - ein zentraler Begriff bei Paulus. Kein leichter Begriff für uns. Wir gebrauchen den Begriff um deutlich zu machen, dass in einer gestörten Beziehung zweier Parteien wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden soll, durch ein Ritual, durch eine Aussprache, durch .... Ziel ist es, es gut sein zu lassen. Nicht immer wieder aufzurechnen. Die alten Geschichten nicht immer wieder hervor zu kramen. Letztlich zu ermöglichen, dass wir in Frieden miteinander auskommen. Und so gehört Vergeben eben auch mit dazu zur Versöhnung. Dem anderen vergeben.

Nur - bei Paulus ist allein Gott das Subjekt der Versöhnung. Nicht wir Menschen. Das ist kein wechselseitiges Geschehen. Paulus setzt damit außer Kraft, was in seiner Zeit an Gedanken gang und gäbe war - auch in Korinth: dass wir nur genug Opfer/ Leistung bringen müssen aber auch können, damit uns die Götter gnädig sind.

Paulus aber betont: Gott versöhnt

 

Doch nicht nur in seiner Zeit war dieser Vers eine Herausforderung für die Menschen. Auch wir sind herausgefordert. Herausgefordert nämlich in dem Verständnis eines solchen Verses. Und so nebenbei gesagt: auch herausgefordert durch die Traditionen der Auslegungsgeschichte, die einem solchen Vers anhaften. 

 

Gott versöhnt in Christus. Wir hängen in einer Verstehenstradition drin, und die geht so: ohne Christsein kann es keine Versöhnung mit Gott geben. Wir müssen zunächst Christen werden, an Christus glauben. Und aus dem, was für Paulus im Kontext mit der Gemeinde in Korinth stimmig war und ein in seiner Zeit unglaubliches Angebot war, wurde schnell - alle müssen Christen werden, sonst gibt es keine Versöhnung von Gott. Ausnahmslos alle.

Erst an Christus glauben - dann gibt es Versöhnung. Und zwar ausschließlich für die, die glauben. Wie oft habe ich selber dieses so gehört. Diese Auslegung war und ist vielfach noch die Glaubensüberzeugung der Menschen, in deren Mitte ich groß geworden bin.

In letzter Konsequenz wurde mit diesem Verständnis eine Begründung gefunden, warum eine Mission der Juden nötig war. Ein Gedanke, der in unserer Kirche erst in den letzten gut 40 Jahren ins Wanken gekommen ist.

 

Nur in dem Text gibt es eine Stolperstelle für mich, wenn ich das so verstehe. Es heißt nämlich nicht - Gott versöhnt sich mit der Welt in Christus. Es heißt: Gott versöhnt (in Christus) die Welt mit sich, fast so als hätte da lange Zeit was scheinbar unversöhnlich nebeneinander gestanden.

Weil mich das immer wieder irritiert hat, darum will ich mal einen anderen Ansatz des Verständnisses versuchen.

Ja, Paulus stellt den Korinthern Christus vor Augen. Aber nicht, weil er damit einen Exklusivanspruch zum Ausdruck bringen will nach dem Motto: in Christus - versöhnt mit Gott, ohne Christus - keine Versöhnung. Er kommt zu diesen Aussagen, weil er selber in seiner eigenen Situation und aus seiner eigenen Biographie für sich den Schluss gezogen hat: Ich war so verstrickt in eine Idee von Gott, wie Gott ist, wie Gott rechnet, wie Gott bestraft, was Gott von uns will ..., ich habe mir Urteile über Christus und die Christen angemaßt. All das aber ist in der Begegnung mit Christus wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Es ist zusammengefallen, weil ich, Paulus, immer von sich einander widersprechenden Polen ausging. Hier Glaube, da Unglaube. Hier gerecht, da verdammt.

 

In Christus aber hat Gott gezeigt, dass es diese Dualität gar nicht gibt. Es gibt nicht den Gott-losen oder den von Gott erfüllten Raum als unauflösliche Gegensätze. In der Person Christi hat Gott gezeigt, beides ist Teil eines Ganzen. Es gibt nicht das Entweder -Oder. Vielmehr ein UND, das ganz neue Maßstäbe setzt. Das von Gott erfüllte und das von Gott abgewandte ist in Christus untrennbar miteinander verbunden, weil Gott die Kluft überbrückt hat - aus seiner Freiheit heraus. Gott allein ist Handelnder. Dass er Versöhnung ermöglicht, sozusagen - niederreißen all dessen, was von einander trennt, alle Gräben zuschütten, das Unvereinbare vereinen, all das ist allein entstanden aus der Freiheit Gottes. Weil Gott so frei ist, die Versöhnung der Gegensätze zu wollen, darum gibt es sie. Wir Menschen können darum nicht rechten. Wir haben keinen Anspruch darauf, in den Genuss dieser Versöhnung zu kommen.

Wenn wir konsequent sind heißt das auch: wir können noch nicht mal als Bedingung setzen, dass Menschen an Christus glauben, weil erst dann scheinbar Versöhnung wirksam wird. Denn: wer sind wir Menschen, dass wir Gott vorschreiben könnten, wie die Versöhnung auszusehen hat, oder wem sie zuteil werden darf?

Gottes Versöhnung, mit der er die Gegensätze aufhebt, ist unverfügbares Gut für uns. Ich kann es nicht einfordern, ich habe kein Anrecht darauf. Das ist kein wechselseitiges, an Bedingungen gebundenes Geschehen. Diese Überbrückung der Gegensätze entzieht sich sogar oft genug unserer eigenen Einsicht.

 

Das einzige - wir können darauf antworten. Wir können dem entsprechend leben. Wir können aus dieser Freiheit der Liebe und Versöhnung, die Gott uns schenkt, unser eigenes Leben umkrempeln und genau so Gott und den Menschen begegnen. Ohne Bedingung, ohne Hürden aufzurichten, ohne die vielen abgrenzenden Gedanken. Aus reiner Liebe, aus der Kraft der göttlichen Weisheit, sind wir gerufen eben auch die Gegensätze zusammen zu bringen.

Dass das keine Utopie ist, das hat Jesus Christus gelebt. Amen