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Ich stehe hier und singe

Über die wunderbaren Wirkungen von Musik

Ein geistlicher Impuls von Kantorin Freist-Wissing zum Sonntag Kantate (10. Mai 2020) online

 

Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand darauf, so erquickte sich Saul, und es war besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.

(1 Sam 16, 23)

 

Schon vor mehr als 2000 Jahren ist die therapeutische Wirkung von Musik bezeugt worden. David vertreibt den bösen Geist aus Sauls Gedanken, er lindert seine depressiven Schübe.

Menschen, die beim Sprechen stottern, artikulieren völlig störungsfrei, wenn sie singen. Das liegt daran, dass die Stimmbänder beim Singen durchgehend schwingen.

In Veröffentlichungen der modernen Neurowissenschaften kann man etwas sehr Interessantes nachlesen: Wenn wir Musik hören, die wir mögen, wird das Angstzentrum in unserem Gehirn ausgeschaltet (Manfred Spitzer). Das haben sich Menschen zu allen Zeiten zunutze gemacht. In negativer Bedeutung beispielsweise mit der Kriegsmusik, die dafür sorgt, dass Soldaten ohne Angst und willenlos in den Krieg ziehen. In positiver Bedeutung denke ich an die Schlaflieder, die weltweit Abend für Abend zum Einschlafen für Kinder gesungen werden.

Nicht zuletzt fördert das Singen und Musizieren das Sozialverhalten.

In großen Krisen, wie der derzeitigen Pandemie, reduziert sich das Interesse schlagartig auf die lebensnotwendigen Dinge, und dazu gehören nicht in erster Linie Kultur und Musik. Nach kurzer Zeit aber bahnen sich Kultur und Musik immer wieder Wege und die Menschen besinnen sich auf die Kraft der Musik. Dieses Phänomen können wir auch in der Geschichte vielfältig finden.

In der evangelischen Kirche spielt die Musik verschiedene wichtige Rollen, die sich aus den genannten Aspekten ableiten lassen.

Kirchenmusik ist revolutionär und Transportmittel neuer Gedanken (siehe die Flugblattlieder Martin Luthers).

Kirchenmusik ist begeisterter Ausdruck von Lebensfreude und Dankbarkeit (Psalmen, Kantaten, Oratorien, Instrumentalmusik)

Kirchenmusik ist ein Mittel, Liebe, auch Erotik, auszudrücken (Hohe Lied der Liebe-Vertonungen, Lieder, Arien)

Die vielleicht wichtigste Bedeutung der Musik ist diese: Musik verbindet uns mit uns selbst und gibt Ruhe und Gelassenheit. Musik verbindet uns mit den Menschen um uns herum und schafft Beziehungen. Musik verbindet uns mit dem Göttlichen, das wir nicht mit dem Intellekt begreifen können, mit dem Heiligen Geist.

Das alles zusammen gibt uns Kraft und Halt in einer Welt, die auch ins Wanken geraten kann.

Niemand bringt dieses Gefühl besser zum Ausdruck als Johann Sebastian Bach, der 5. Evangelist, in seiner Mottete „Jesu meine Freude“.

Ihre Kantorin Karin Freist-Wissing, KMD