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Neue Kraft und Stärke

Auftauchen und mutig aufbrechen!

Predigt von Altbischof Wollenweber zum Sonntag Quasimodogeniti (19. April 2020) online

Bild: Rüdiger Petrat

So. Quasimodogeniti Kreuzkirche Bonn  19.04.2020

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Thema: auftauchen und mutig aufbrechen!

Predigt zu Jesaja 40, 26 – 31         

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeindemitglieder,

„Quasimodogeniti“ = „gleichsam wie Neugeborene“ – so stellte man sich in der frühen christlichen Kirche die Täuflinge vor, wenn sie bei ihrer Taufe im Wasser untergetaucht waren und nun wie Neugeborene aus dem Wasser wieder-auftauchten. Ein eindrückliches, zeichenhaftes Geschehen war dieses und zugleich eine sichtbare Erklärung für die Auferstehung Jesu: gestorben und wieder auferstanden, neu geboren!

Damals kamen alle in der Osternacht getauften Christen in ihren weißen Taufgewändern nochmals am Sonntag nach Ostern zum ersten Gottesdienst als neu getaufte Mit-Christen. Deshalb nennt man bis heute in katholischen Gebieten diesen Sonntag den „Weißen Sonntag“. Unsere christliche Taufe ist in dieser Weise eng mit der Botschaft von der Auferstehung Jesu verbunden, die ein Schöpfungs-werk Gottes ist. Und dieses österliche Schöpfungsgeschehen übersteigt alle menschliche rationale Vernunft und emotionale Vorstellungskraft, ist aber dennoch ein ermunterndes Zeugnis zum Aufbruch aus Trübsinn und Resignation – gerade auch in dieser eigenartigen „Corona-Zeit“, in der wir nur „getrennt gemeinsam“ Gottesdienst feiern können.

Hören wir auf diesem Hintergrund als Christen die eindringliche Botschaft des Zweiten Jesaja, der vor zweieinhalb tausend Jahren dem resignierten und verzweifelten Volk Israel in der babylonischen Gefangenschaft die Schöpfungskraft des einen Gottes vor Augen hält: Jesaja 40, 26-31

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: "Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber"?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,

dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde, aus der eigenen Lebensgeschichte kön-nen manche von uns diese Situation nachempfinden, in der sich das Volk Israel in der babylonischen Gefangenschaft befindet: sie haben jahrelang zu ihrem einen Gott gebetet; sie haben von ihm erzählt und sich an ihn gehalten; sie sind nicht von ihm abgefallen und haben sich nicht den vielen anderen Göttern zugewandt; sie haben der Botschaft von dem einen, barmherzigen und gnädigen Gott vertraut. Jedoch haben sie nichts von ihm gespürt; er hat sie nicht befreit; er hat sie nicht in ihre Heimat zurückgebracht. Sie haben wie vor eine Wand gebetet und vergeblich geglaubt. Deshalb fällt es ihnen in ihrer Enttäuschung leicht, auch die Götzen der Babylonier anzubeten; denn ihr Gott hat sie vergessen.

Ist dies nicht vergleichbar mit uns, wenn wir Krankheiten erfahren, beten und keine Besserung erfahren? Was ist, wenn das Coronavirus das persönliche Leben

und das der ganzen Gesellschaft völlig umkrempelt? Was ist, wenn wir unter unseren eigenen Fehlentscheidungen leiden, über unseren bruchstückhaften Vorstellungen verzweifeln, krumme Wege der Anbetung einschlagen und den Sinn des Lebens und das Vertrauen in Menschen verlieren? Wo bleibt Gott? Schließlich sind wir hilflos, müde und matt und ziehen uns vom Glauben an den auferstande-nen Christus zurück. Offensichtlich kümmert Gott sich nicht um uns hier; er hat immer andere im Blick und ist an deren Seite. Wir sind außen vor! Ich bin außen vor! Seht doch z.B. auf die Kirchengemeinde: sie wird klein und kleiner; es wird immer schwerer, verantwortliche Menschen in den Kirchen-vorstand zu bekommen; die Zahl der nicht getauften Menschen wird größer. Was bleibt, ist Resignation und Pessimismus!

Ich habe in einer Meditation zu diesem Predigttext den folgenden einprägsamen Spruch gelesen:

Geht der Glaube zur Tür hinaus,

kommt der Aberglaube durch´s Fenster.

Verlässt Gott das Haus,

kommen die Gespenster.“        

 (in Gottesdienst Praxis 1996, Band 2, S. 138 )

Keineswegs! Keinesfalls! So hämmert der Prophet Jesaja seinen israelischen Gläubigen seine aufmunternde Botschaft ein: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der die Enden geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich!“

Ich übertrage direkt: Weißt du nicht, liebes Gemeindemitglied? Hast du nicht gehört, was damals nach der Kreuzigung Jesu an Ostern geschehen ist? Dieses neue Schöpfungsgeschehen reißt uns bis heute heraus aus dem Jammern und Klagen über die Abwesenheit des Schöpfergottes, über seinen Tod und / oder über seine Nicht-Existenz. Abgesehen davon, dass wir in Europa meist auf hohem Niveau jammern, werden wir aufgefordert: Wach auf und steh auf von der Nabelschau, dem egoistischen Blick nur auf die eigene Existenz! Erweitere dein Blickfeld! Da gibt es ein Schöpfungsgeschehen, das nicht von Menschen erfun-den und bewirkt wurde. Da ereignet sich in unserer Welt der Tod des Todes! Uns ist der weite Blick auf das Leben in der Nähe Gottes eröffnet!

Und das hat seine Auswirkung auf unsere Verhaltensweisen: Wir unvermögenden, müden, schnell zur Resignation neigenden Menschen bekommen neue Kraft und Stärke. Dabei können wir uns an die Jünger vor 2000 Jahren als Vorbilder erinnern: Sie waren wirklich verzweifelt, als ihr Meister und ihr Idol gefangen genommen und gekreuzigt wurde. Sie waren völlig enttäuscht; denn ihre  Lebenshoff-nung war dahin! Aus Angst vor der eigenen Gefangennahme und Kreuzigung waren sie geflohen.

Und dann wurden sie Zeugen der Schöpfungsmacht Gottes; sie erlebten die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Sie bekamen plötzlich neue Kraft, „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Vers 31) Der Prophet überschlägt sich fast selbst mit diesem Bild und der Anhäufung von Dynamik. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jünger Jesu damals von sich aus, aus eigenem Impuls heraus, aufgrund eigener Erfindung und Überlegung loszogen und die Botschaft von der Auferstehung Jesu auf den Straßen und Plätzen weitererzählten. Und dass sie zugleich diese frohe Botschaft mit der Hoffnung auf die eigene Auferstehung und das Leben in der Nähe Gottes selbst erfinden und verbinden konnten. Die Osterbotschaft ist ein Schöpfungsgeschehen Gottes, das unsere Vernunft und unseren Verstand übersteigt!

Von dem Schweizer theologischen Schriftsteller Kurt Marti stammen die Zeilen:

„Ihr fragt, wie ist die Auferstehung der Toten? – Ich weiß es nicht.

Ihr fragt, wann ist die Auferstehung der Toten? – Ich weiß es nicht.

Ihr fragt, gibt´s keine Auferstehung der Toten? – ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, wonach ihr  n i c h t  fragt: Die Auferstehung derer, die leben.

Ich weiß nur, wozu er uns ruft: Zur Auferstehung heute und jetzt.“

Liebe Gemeindeglieder, die Botschaft von der Auferstehung als ermutigender Schritt nach vorne ist ein aktuelles Geschehen, keine Zukunfts-Verströstung! Jetzt bekommen wir Lebenden Kraft und Stärke – gleichsam im Widerstreit mit der Realität unseres gesellschaftlichen Umfeldes. Wir – das sind die, die „auf den Herrn harren“. „Harren“ ist ein dynamischer Vorgang, kein Stillehalten und kein Abwarten, was so kommen mag. Nein! Harren ist ein nach vorne drängendes Hoffen, weil der Schöpfergott viel mehr vermag als ich, sein Geschöpf. Er kann den Tod besiegen; er kann die Angst wegnehmen; er kann die müden Knochen in Bewegung bringen. Und er kann dies nicht nur; er hat es getan! Dafür ist Jesus Christus das Unterpfand. „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?“

Ich zitiere aus dem „Liturgischer Kalender“ zum Ostersonntag (Rüdiger Jung):

„Ostern, Aufstand des Lebens gegen den Tod.

Noch ist unser Leben vom Tod gezeichnet.

Ostern, Aufstand der Freude gegen das Leid.

Noch ist unser Leben vom Leid gezeichnet.

Nur ahnend erfassen wir das Neue.

Doch wir trauen dir, Gott, zu, dass du alles verwandelst

und dein Osterlicht heute durch uns leuchten lässt.“

Durch uns leuchtet das Licht Gottes, liebe Gemeindeglieder. Nicht immer nur durch die anderen. W i r  hier hören diese Ermunterung heute. Wir sollen trotz Coronavirus fröhlich und getrost sein. Wir können uns selbst fragen: Kann ich aufbrechen und mich mit missliebigen Familienmitgliedern und Nachbarn und Arbeitskolleginnen versöhnen, ihnen gegenüber wenigstens friedfertig, barmherzig und gerecht sein? Ich wünsche Ihnen und mir für diese neue Woche: Aufstehen! Aufbrechen aus dem alten Denkmuster: Ich kann doch nichts ändern! Hin zu neuen Verhaltensweisen, die uns aus der Resignation z.B. auch über die negative Entwicklung der christlichen Gemeinden und Kirchen in unserer Zeit herausreißt.

Unserem schwachen Glauben werden Flügel geschenkt, wie Adler sie haben. Auferstehung heißt aufstehen und aufbrechen wie die Menschen, die gerade getauft sind und nun aus dem Taufwasser wie Neugeborene auftauchen. So sind wir!

Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen

Lied EG Nr. 116  Er ist erstanden, Halleluja!

Gez. Klaus Wollenweber, Altbischof

Im April 2020