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Stella vespertina

Lesen Sie hier eine Andacht von Pfarrer Petrat zu dem Bild "Stella vespertina" von Georges Rouault (1871-1958).

 

„Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“

 

Wie glücklich muss ein Mensch sein, der diese Erfahrung gemacht hat! Der Beter von Psalm 36 dichtet sein Glück so strahlend in die Welt hinaus, dass es Menschen seit fast 3000 Jahren berührt. Viele Hochzeitspaare wählen seine Worte zu Ihrem Festgottesdienst. Und in dieser Woche sind sie als Wochenpsalm uns allen gegeben.

Dieses Glück, unter den Flügeln Gottes Schutz zu genießen haben viele Künstler erfahren und eindrücklich ausgedrückt. Einer davon ist der französische Grafiker der Klassischen Moderne, Georges Rouault. Er wurde im Jahr der Einweihung unserer Kreuzkirche in Paris geboren, am 27. Mai 1871 und verstarb dort am 13. Februar 1958.

Von Ihm hing bis vor kurzem ein lizensierter Druck aus Paris in unserer Kreuzkirche mit dem Titel „Stella Vespertina / Abendstern“. Es zeigt – ganz revolutionär für die Geschlechterrollen um 1910 – einen Vater,  der abends sein Wiegenkind behütet, während der Abendstern dazu ins Zimmer leuchtet. Der Vater ähnelt in seiner schlicht-weißen Kleidung und schwarzen Haartracht den klassischen Jesusdarstellungen und ist dem Baby freundlich und zugewandt. Die ganze Atmonsphäre strahlt Ruhe, Frieden und Geborgenheit aus.

Daher befand sich das Bild auch 15 Jahre in der Taufkapelle in der die Getauften Gottes Zuspruch hören: „Ich bin dein Vater, Du mein Kind. Fürchte dich nicht, ich habe Dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein!“ Heute steht dort eine Bronzestatue welche eindrucksvoll die Geborgenheit des verlorenen Sohnes in der Umarmung des Vaters zeigt.

Rouaults Gemälde im Stil einer Glasmalerei mit Bleirahmen, vermittelt den Eindruck als leuchte der Abendstern durch das Material in unsere Lebenswelt. Als berühre uns Gottes Schönheit im Privatleben und schenke uns seinen Frieden. Als ermögliche sein Licht in uns die eigene Ruhe und die sanfte Hingabe sich für andere einzusetzen.

Haben wir das nicht auch schon einmal erlebt? Dort wo Gottes Geist uns Frieden und Gelassenheit schenkt, werden auch wir zum Schutz für die Menschen die von Hetze und Verletzungen, Leid und Zerrissenheit geplagt bei uns Zuflucht suchen? Dazu ist es gut, wenn wir uns immer wieder selber unter die Flügel Gottes flüchten und persönlich zur Ruhe kommen. Vielleicht zünden Sie demnächst in unserer Taufkapelle eine Kerze für sich selbst und einen geliebten Menschen an. Vielleicht sprechen Sie ein Gebet für Ihr Leben und das Ihres Lebensbegleiters und erbitte sich inneren Frieden und Weisung für das Leben, das Tag für Tag so viel von uns fordert.

 

Seien Sie gegrüßt und gesegnet!            Ihr Pfarrer Rüdiger Petrat