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Wenn ihr betet ...

Hinwendung zu Gott

Ein geistlicher Impuls zum Sonntag Rogate (17. Mai 2020) von Pfarrerin Schneider online

Bild: Ingrid Schneider

Rogate! Betet! So das Thema dieses Sonntags. Wenn wir uns umschauen in der Welt, so kann man den Eindruck gewinnen, dass das Gebet fast so etwas wie ein ureigenster Ausdruck des Glaubens ist. Auch wenn es sich in verschiedene Formen kleidet, so ist das Beten in den verschiedensten religiösen Traditionen ein Ausdruck der Hinwendung des Menschen zu Gott. Hinwendung also zu dem, der als die alles durchwirkende Kraft anerkannt wird.

Unser christliches Beten ist daran ausgerichtet, dass und wie Jesus und seine Jünger gebetet haben. Verwurzelt war es in der jüdischen Gebetstradition: Jesus betete die Psalmen des Alten Testaments. Die im Neuen Testament enthalten Gebete sind von dieser Sprache geprägt. Doch anders als in seiner Zeit vielfach üblich ermutigte Jesus immer wieder zum Rückzug aus dem Alltag, wenn es um das Gebet ging. Er selber praktizierte es so. Wie oft wird im Neuen Testament berichtet, dass Jesus sich zurückzog, um zu beten. Ganz in diesem Sinne heißt es dann in Matthäus 6,6: „Wenn du betest, so geh in deine Kammer und schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Diese Form des Gebets hat unsere christliche Tradition zutiefst geprägt. Nicht das Gebet auf öffentlichen Plätzen war und ist uns die geläufigste Form, vielmehr das Gebet im privaten, häuslichen Bereich. Früher hat es in vielen Familien den Tag strukturiert. Auch ich bin damit groß geworden, dass zu jeder Mahlzeit gebetet wurde, dass der Tag mit einem Gebet endete. Manche Familien leben solches bis heute, doch es ist keineswegs mehr das, was wir selbstverständlich als gegeben voraussetzen können. Umfragen zeigen: mehr als 40% der Bevölkerung in Deutschland betet nie. In der Arbeit mit Kindern, den Gottesdiensten im Kinderhaus oder in der Grundschule merken wir, wie wenig vertraut vielen Kindern das Gebet ist.

Wenn Menschen heute beten, geht es keineswegs immer nur um Bitten, die vor Gott ausgebreitet werden. Manches Gebet ist eher ein Stoßgebet in einer Notsituation. Wie viele solcher Stoßgebete mögen in den letzten Wochen formuliert worden sein? Wie viele Menschen mögen Sorgen und Angst vor Gott ausgebreitet haben? Andere Gebete sind Ausdrucks des Danks. Damit lenken diese Gebete den Blick auf die vielen Dinge des Lebens, welche als Geschenk erlebt und erfahren werden, einfach so, ohne unser Dazutun, ohne unser Mühen.

Ich selber habe in den letzten Jahren mehr und mehr Menschen kennen gelernt, die eine weitere Form des Gebets praktizieren: die Meditation, die Stille. Auch wenn es vielfach auf den ersten Blick auf Außenstehende kaum wie ein Gebet erscheint - auch hierin die Hinwendung zu Gott. Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard hat in für mich kaum besser zu formulierenden Worte beschrieben, was mit Menschen passiert, die diesen Weg gehen. Von ihm stammen diese Zeilen: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was wohlmöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörender. Ich meinte erst, beten sei reden. Ich lernte aber, dass beten nicht bloß schweigen ist, sondern hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt: Still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“

Einzutauchen in diese Form des Gebets erweist sich für viele Menschen als eine große Quelle der Kraft. Und doch ist es etwas, worin wir uns üben müssen. Innerlich still sein ist eine anspruchsvolle Herausforderung in unseren Zeiten. Vielleicht ist dieser Sonntag mit seinem spezifischen Blick auf das Beten ja eine Einladung, in dieser Woche dem hörenden Gebet jeweils ein paar extra Minuten des Tages zu widmen.

 Ihre Pfarrerin Ingrid Schneider